Mehritis - Erfahrungsbericht einer Betroffenen
Also diese Infektion ist ja nunmal eine der heimtückischsten ...

Die Wahrnehmung verändert sich. Die wichtigen Dinge im Leben werden nebensächlich und was Dir vorher keinen Pfifferling wert war, ist plötzlich der Erden höchstes Glück. Du kennst jede Löwenzahnpflanze in Deiner Straße und hegst und pflegst sie. Deine Nachbarn lieben Dich. Konnten sie doch alle ihre Rasenmäher gegen eine Sonnenliege eintauschen weil Du gerne ihren Rasen fein säuberlich mit der Handschere mähst.

Vor Allem brauchst Du jetzt Geld. Das ist wie bei den Junkies. Die brauchen auch immer Geld. Deswegen gibt es auch Züchter. Die sind dermaßen infiziert, daß sie sich ihre Meerlies nicht mehr von ihrem normalen Gehalt leisten können. Also müssen sie die Babys für viel Geld verkaufen. Und das bricht ihnen das Herz. Wie bei den Junkies. Die gehen auch nicht auf den Strich, weil es ihnen Spaß macht.

Es gehen ja Gerüchte um, daß dieses Virus von der Futtermittelindustrie als biologische Waffe entwickelt und freigesetzt wurde. Die wissen genau, daß man als Infizierter niemals so viele Meerlies halten kann, wie man bräuchte. Und was tut jeder Mensch, der völlig gefrustet seiner Sucht nicht frönen kann? Er tobt sich an Ersatzhandlungen und Frustkäufen aus. Da werden dann plötzlich alle möglichen und unmöglichen Leckerlis gekauft. Wenn man schon kein weiteres Meerie bekommt, dann muß man wenigstens die vorhandenen betütteln und mästen wo es nur geht.

Ach und dann gibt es da noch die liebe Verwandschaft. Also bevor ich mir von denen anhören muß, daß Meerschweinchen doch wohl was für Kinder sind, schaffe ich mir dann doch lieber ein Balg an, und behaupte es wäre sein Schwein. Zu irgendwas müssen Kinder doch gut sein. Wer allerdings keinen passenden Versorger für das Balg hat, tut gut daran, sich offiziell als Pflegestelle zu titulieren. Da kann man prima Unmengen an Meerlies als ehrenamtliche Bürgerpflicht verkaufen und heimst noch echtes Lob ein. Daß es sich dabei seit Jahren um immer die gleichen Tiere handelt merken die blöden Verwandten eh nicht. Verbreitet man seine Berufung zur Pflegestelle noch in der Nachbarschaft, kann man sogar mit Futterspenden rechnen.

Außerdem: Mehritis bildet. Das steht mal fest. Wer wußte denn vor seiner Infektion, daß Maisblätter nur bis zum 5 Blatt gespritzt werden? Oder, daß das Grüne in Kartoffeln Solanin enthält? Und mal ganz ehrlich: eine Perinealtasche hätte man doch für die neueste Creation von Lagerfeld gehalten, nicht wahr? Solche Fragen lassen einen Infizierten nicht mehr an der Millionenfrage bei Hr. Jauch scheitern.

Geh' mal zum Arzt und sag' Du hättest Mehritis. Das ist wie mit der Homoöphatie. Ein Virus, den man nicht nachweisen kann, den gibt es nicht und Basta. Nach mehreren Überweisungen durch die Fachärzteschaft könntest Du Glück haben, daß ein fähiger Psychologe Dir ein Rezept für ein Meerschweinchen ausstellt. Wenn er ein besonders netter Doc ist, schreibt er es Dir sogar auf Rezeptblätter mit Meerschweinchenbildern.

Aber was nutzt Dir das? Welche Apotheke führt Meerschweinchen im Sortiment? Welcher Zoohandel akzeptiert Rezepte? Und wie sollst Du jetzt -verdammt noch mal- das Rezept in Deine Hosentasche bekommen, wo der Assistent dieses Psychologen darauf bestanden hat, daß Du diese bescheuerte gekreuzte Jacke anziehen mußt um nochmal kurz mit dem Mehritis-Spezialisten reden zu dürfen? Wo ist der Assistent eigentlich geblieben? Der wollte Dir doch wieder daraushelfen. Ach da kommt ein anderer Assistent. Wie? Du bist ein besonders schwerer Fall und kommst jetzt in ein Zimmer mit gaaanz vielen Meerschweinchen? Endlich versteht Dich jemand. Da ist ein großes Gehege. Total meeriesicher eingerichtet erzählt er. Aber die Jacke mußt Du noch anbehalten. Damit Du keins der Meeries klaust. Das sei schon öfter bei Infizierten passiert und das könne man nicht mehr zulassen. Naja... Recht hat er ja.

Wäre ja nicht das erste Schwein, daß Du geklaut hättest. Neulich im Dehner ... oha ... war das peinlich als der Detektiv Mucki in Deinen Wollstulpen entdeckte. Mausi in der Daunenfütterung der Jacke entging ihm auch nicht. Selbst Purzel hat er gefunden. Dabei hattest Du ihn ganz raffiniert als Bommel an Deine Pudelmütze gehängt. Und dann fand er auch noch das Babyschweinchen in Deinen Bärenfellhandschuhen. Da bist Du ganz schön ins Schwitzen gekommen. Naja, war vielleicht auch besser so. Hast eh keinen Schattenparkplatz auf dem Parkplatz gefunden und es waren 60 Grad im Auto.
Du solltest Dir echt langsam mal eine Klimaanlage leisten. Bei 30 Grad im Schatten ist es gefährlich Tiere im Auto ohne Klimaanlage zu transportieren.

Auf dem Weg zum Schweinezimmer lamentierst Du ausgelassen mit dem Assistent über Ovarialzysten, Calziumgehalt von Möhrengrün und den sozialwissenschaftlichen Untersuchungen von Prof. Sachser. Ja, der Sachser. Der gehöre in dieser Klinik zum Pflichtstudium aller angehenden Fachärzte, sagt er. Eine brilliante Persönlichkeit sei dieser Sachser. Er würde hier regelmäßig Fachvorträge halten. Dieser Assistent weiß wovon er redet. Ein Mensch, dem man vertrauen kann.

Der Gemüsehändler an der Ecke Deiner Straße ist auch so ein netter Mensch. Der versteht Dich auch. Der stellt keine dummen Fragen. Da kannst Du kiloweise Gemüse und Obst kaufen, ohne daß so blöde Sprüche kommen wie: Hach, leben sie aber gesund. Nee, das ist doch für die Meerschweinchen. Für mich ist die Dose Hundefutter. Ist billiger als das Katzenfutter. Nein, der Gemüsehändler an der Ecke hat Dir neulich sogar Waschpulver und ein hübsch duftendes Deo geschenkt. Weil Du doch so ein treuer Kunde bist. Statt Rabatt. Wirklich nett. Der Mann kann ja nicht wissen, daß Du Deine Waschmaschine gegen drei Käfige eingetauscht hast. Aber das Deo ist echt klasse. Die Schweinchen lieben den Zitronenduft.

Endlich seit ihr am Schweinezimmer angekommen. Alles leer. Weiß. Die Wände total weich. Die haben sich ja echt Mühe gegeben. Nicht ein Kabel ist zu sehen. Aber wo sind die Schweine? Tja, sagt der Assistent. Das hier ist die Spezialtherapie. Sie gehen jetzt da rein und überlegen sich genau, was die Schweinchen denn so alles brauchen. Und morgen komme ich wieder und schreibe das dann alles auf. Wir wollen doch, daß sie sich wohlfühlen. Also werden wir jetzt erstmal nach und nach dafür sorgen, daß das alles genau so wird, wie sie das haben möchten und dann bringen wir ihnen die Schweine.

Ja, das ist doch mal eine tolle Idee!
Und Du fängst an Dein Zimmer einzurichten ...

Autorin: Gina Alt